Thrasymachos: Das Pleonexie-Argument

Start Einleitung Kephalos: Definition der Gerechtigkeit Polemarchos: Definition der Gerechtigkeit Polemarchos: Gerechtigkeit und Techne Die Erziehung des Philosophenkönigs Die Idee des Guten und die Gerechtigkeit Aufgabenbereich der Gerechtigkeit bei Polemarchos Thrasymachos: Definition der Gerechtigkeit Thrasymachos: Die ersten Gegenargumente Thrasymachos: Das Pleonexie-Argument Thrasymachos: Das Kooperationsargument Thrasymachos: Das Ergon-Argument Schluss

Thrasymachos: Das Pleonexie-Argument

Da ihm die letzten Argumente des Thrasymachos keinen Anknüpfungspunkt bieten, sieht sich Sokrates genötigt, seine Widerlegung auf eine vorausgegangene Behauptung seines Gegners zu stützen, daß der Ungerechte vor dem Gerechten immer etwas voraushabe. Thrasymachos stimmt folgenden Prämissen zu: der Gerechte will dem Gerechten nichts voraushaben. Dagegen will der Gerechte dem Ungerechten etwas voraushaben. Der Ungerechte vor dem Gerechten und der gerechten Handlungsweise etwas voraushaben, desgleichen dem Ungerechten und der ungerechten Handlungsweise, daß er überall nach Gewinn trachtet. (Pol. 349b-c) Daraus zieht Sokrates folgenden Schluß: der Gerechte will Seinesgleichen nichts voraushaben, wohl aber dem Ungleichen; der Ungerechte will Beiden etwas voraushaben. Und da der Ungerechte verständig und gut, der Gerechte keines von beiden ist, muß Erstgenannter dem Guten und Verständigen gleichen, der Letztgenannte dagegen nicht.(Pol. 349d)

Doch dem widerspricht Sokrates. Und belegt mit dem Beispiel eines Arztes und eines Musikers, die beide nur etwas dem Laien voraushaben wollen und nicht vor ihresgleichen, daß der Gerechte dem Weisen und der Ungerechte dem Schlechten und Unwissenden gleicht.(Pol. 349b-c)

Wieder hat Sokrates die Gerechtigkeit als Techne aufgefaßt, die er mit anderen erlernten Fertigkeiten vergleicht. Worauf bezieht sich das Voraushaben-wollen und das Nicht-mehr voraushaben-wollen aber bei der Gerechtigkeit? Will der Gerechte wirklich gerechter sein als der Ungerechte? Kann ein Mensch denn überhaupt ein wenig gerecht sein und ein anderer Mensch ein wenig mehr? Kein Mensch kann gerechter sein als ein anderer gerechter Mensch, man ist entweder gerecht oder ungerecht. Dies Mehr-haben-wollen scheint sich bei dem Gerechten auf seinen Ruf und Respekt festzulegen. Wenn Ruf und Respekt den Gerechten auszeichnen, ist durchaus nachzuvollziehen, warum der Gerechte dem Ungerechten etwas voraushaben will. Aber will der Gerechte keinen größeren Respekt haben als andere Gerechte? Oder wie Sokrates meint: der Fachmann will gegenüber dem Fachmann nichts voraushaben. Hier hat Sokrates sein Argument nicht weitergedacht. Wenn kein Fachmann dem anderen Fachmann etwas voraushaben wollte, gäbe es keinen Fortschritt, denn alle blieben auf dem gleichen Wissensstand stehen. Die Idee des Etwas-voraushaben-wollen paßt in diesem Sinne nur für den Ungerechten.

Folgt man aber stur Sokrates` Analogie, daß der Gerechte sich zum Gerechten und Ungerechten wie der Wissende zum Wissenden und Unwissenden verhält und der Ungerechte zum Gerechten und Ungerechten wie der Nichtwissende zum Wissenden und Nichtwissenden, dann folgt daraus: der Gerechte ist wissend und tüchtig und der Ungerechte nichtwissend und untüchtig.