Thrasymachos: Die ersten Gegenargumente

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Thrasymachos: Die ersten Gegenargumente

Thrasymachos ist der Ideologe, der die Auflösung des Gesellschaftsvertrages vollzieht. Aus der bürgerlich-friedlichen Gesellschaft des Kephalos, in der man den Freunden Gutes tat, entstand die Klassengesellschaft des Polemarchos, der die Gesellschaft in Freunden und Feinden teilte. In Thrasymachos` Gesellschaft existieren nur noch Feinde. Hier gibt es keine Freunde mehr, denn Gerechtigkeit ist der Vorteil des Stärkeren.

Nachdem Kephalos` Gerechtigkeitsdefinition sich auf gesellschaftliches Handeln bezog, wurde bei Polemarchos die Gerechtigkeit ins politische Fahrwasser gelenkt, um nun mit Thrasymachos gänzlich als politisches Handeln aufgefaßt zu werden.

„Fürs erste wird die Gerechtigkeit durch das Gesetz konkretisiert, derart, daß, was gesetzlich ist, auch als gerecht zu gelten hat.“ Jegliche Regierung gibt die Gesetze nach dem, was ihr zuträglich ist.(Pol 338e) Wenn sich eine demokratische Regierung demokratische Gesetze und eine tyrannische Regierung tyrannische Gesetze gibt, ist bei beiden das Gleiche gerecht, nämlich das dem Stärkeren zuträgliche.(Pol 339a) Das bedeutet, daß es kein Recht oder Gerechtigkeit gibt, sondern daß die Macht das Recht diktiert.

Das erste Widerlegungsargument von Sokrates zielt erneut auf die mangelnde Erkenntnis. War es im Polemarchos-Gespräch das fehlende Wissen, wer der wahre Freund und wer der wirkliche Feind ist, tritt jetzt ein anderer Mangel auf. Thrasymachos` Gesetzgeber erläßt Gesetze, die eben nicht das zuträgliche für den Stärkeren liefern. Wobei das Befolgen der Gesetze für die Regierten immer gerecht bleibt. Hat der Regierende aber eine Verordnung erlassen, die ihm durch Fehleinschätzung der Sachlage Schaden bringt, dreht sich Thrasymachos` Gerechtigkeitsdefinition. Jetzt wird auch Unzuträgliches gerecht.

Um diesem Umstand zu entgehen, erklärt Thrasymachos: der wahre Machthaber ist unfehlbar. Gigon meint, hier besteht die nächste Nähe zwischen Thrasymachos` Regenten und Sokrates` später entworfenen Philosophenkönig. Aber Thrasymachos` Regenten fehlt das Entscheidende: die Erkenntnisse des Guten. Sein Regent steht auf der Stufe der Verstandesgewissheit, von dort schließt er aufgrund von Hypothesen aus dem Sichtbaren auf Ideen. So setzt er in Analogie Regent, Arzt und Mathematiker. Diese Fachleute führen für ihn eine Regentschaft über das jeweilige fachspezifische Objekt. Diese Regentschaft ist aber nur solange gegeben, wie sie auch richtig angewendet wird. Verordnet der Arzt dem Kranken eine Medizin, die ihn sterben läßt oder der Mathematiker verrechnet sich bei einer Aufgabe, so daß ein falsches Ergebnis zustande kommt, haben beide in dem Moment keinen Anspruch darauf, Fachleute genannt zu werden. Denn der Umkehrschluß wäre es einen Menschen, der sich verrechnet, Mathematiker zu nennen und einen Menschen, der Kranke noch kränker macht, Arzt zu nennen. Da es Sokrates schwerfällt, Argumente gegen diesen von Thrasymachos entworfenen wahren Regenten zu finden, wählt er nun einen anderen Weg.

Platon läßt beide Kontrahenten den Aufgabenbereich des Fachmannes untersuchen. Sokrates zeigt, daß der wahre Fachmann nicht für sich, sondern für die von ihm Abhängigen sorge, der Starke also nicht das ihm selber Zuträgliche anstrebe. Dieser Aussage widerspricht Thrasymachos vehement: „Weil du Sokrates glaubst, daß die Schäfer und Hirten das Gute für die Schafe und Rinder bedenken, und wenn sie sie fett machen und pflegen auf etwas anders sehen, als was gut ist für ihre Herren und für sie selbst, und so auch von den Herrschern in den Städten die wahrhaft regieren meinst, daß sie anders gegen die Beherrschten gesinnt seien wie einer auch gegen seine Schafe gesinnt ist, und etwas anderes bedenken bei Tag und Nacht, als wie sie doch sich selbst den meisten Vorteil schaffen können.“ (Pol. 334b)

Aber der Aufgabenbereich des Hirten liegt nicht in der Verwertung der ihm anvertrauten Tiere, sondern einzig und allein in der Sorgfaltspflicht gegenüber den Tieren. Der Hirte sorgt nur dafür, daß es den Schafen gut geht, so wie jeder Fachmann für seinen Gegenstand das Optimum zu erzielen sucht. Würde der Hirte sein Augenmerk darauflegen, mit seiner Herde das meiste Geld zu verdienen, dann wäre er nicht als Fachmann für Schafzucht anzusehen, sondern in erster Linie als Geschäftsmann. Daher scheitert Thrasymachos erneut mit seiner Definition. (Pol. 345b-e)

Vorher stellt Thrasymachos aber eine noch gewagtere These in den Raum. Da das Gerechte nichts anderes sei als das dem Stärkeren zuträgliche und dem Schwächeren das Unzuträgliche, folgt daraus: die Ungerechtigkeit „herrscht über die in der Tat Einfältigen und Gerechten“ (Pol. 343c) Denn der Gerechte ist gegenüber dem Ungerechten immer im Nachteil, wie z.B. im geschäftlichen Rahmen, dort wird der Ungerechte immer mehr Nutzen für sich herausholen, als der Gerechte, der sich treu und redlich an die Gesetze hält.(Pol 343d) Und selbst, wenn es um die Bekleidung von Ämtern geht, wird der Gerechte, der sich ergeben den Gesetzen unterwirft und weder sich noch seine Angehörigen durch sein Amt zu Vorteilen verhilft, schlechter dastehen als der Ungerechte.(Pol 343d) Diese Vorteilnahme besonders im Amt zeigt sich am deutlichsten in der Herrschaftsform der Tyrannis. Hier in der vollendeten Ungerechtigkeit ist der am glücklichsten, der das größte Unrecht verübt und der das Unrecht erleidet aber nicht selbst Unrecht verüben will, der Unglücklichste.(Pol. 344a)

War der Blick der Gerechtigkeit in Thrasymachos` Definition bisher nur auf den Stärkeren gerichtet, tritt in der Untersuchung nun die Sichtweise des Schwächeren in den Vordergrund. Der Schwächere hält es für gerecht, Gesetze zu befolgen. Was aber ist der Beweggrund dafür? „Es ist die Moral der Schwachen , die auch gerne Unrecht täten, sich aber nicht trauen und heuchlerisch das Loblied der Gerechtigkeit singen, um die Stärke zu demoralisieren.“ Dieses Sichergeben in die Macht der Moral, einer Moral, wie sie in Kephalos` Gerechtigkeitsdefinition steckt, die auf einen gesellschaftlichen Vertrag aufgebaut ist, führt Thrasymachos nun dazu „die Ungerechtigkeit als kräftiger und edler und vornehmer als die Gerechtigkeit“(Pol. 344c) zu bezeichnen. Dagegen ist schwerlich etwas zu sagen. Nimmt man drei Bürger, die den drei unterschiedlichen Gerechtigkeitsdefinitionen folgen, wird der Bürger, der die Moral des Kephalos verinnerlicht hat, in der untersten Stufe der Polis stehen. Und auch der Bürger aus Polemarchos` Gesellschaft wird sich gegen Thrasymachos` Bürger nicht durchsetzen können. Der Grund liegt in der Verpflichtung jedes einzelnen Bürgers. Kephalos` Bürger trägt die größte moralische Verpflichtung, während sich Polemarchos` Moral aufteilt in Freunde und Feinde. Aber Thrasymachos` Bürger hat keine moralische Verpflichtung. Er ist nur sich selbst Rechenschaft schuldig und kann nach seinem Gutdünken handeln. Dieses Fehlen jeglicher Moral und Niemandem etwas schuldig zu sein, macht ihn frei und stark.

Den Tatbestand, den Thrasymachos hier schildert, ist argumentativ von Seiten des Sokrates schwer zu widerlegen. Platon hat hier Thrasymachos die „Doppelmoral des Alltagsdenken“ schildern lassen. Sokrates versucht nun mittels dreier Argumente nicht nur den Sophisten sondern auch „den Moralskeptizismus des comon sense“ zu widerlegen.