Die Idee des Guten und die Gerechtigkeit

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Die Idee des Guten und die Gerechtigkeit

Die Idee, die hinter der Ausbildung steht, hat Platon in den Gleichnissen schon angedeutet. Wie die gefesselten Menschen in der Höhle müssen die angehenden Philosophenkönige ihre Fesseln lösen, um von den Meinungen zur Erkenntnis zu gelangen. Es geht um die „Umlenkung der Seele, welche aus einem gleichsam nächtlichen Tage zu dem wahren Tage des Seienden jene Auffahrt antritt, welche wir eben die wahre Philosophie nennen wollen.“(Pol. 521c) Für Platon ist die exakte Wissenschaft das Bindeglied zwischen diesem Sichtbaren, was von Meinungen geprägt ist und dem Unsichtbaren, also die Idee, die sich in dem Sichtbaren verbirgt.

Im Liniengleichnis teilte Sokrates Nurdenkbares von dem Sichtbaren. Das Sichtbare unterteilte er in Gegenstände und ihre Abbilder. Das Nurdenkbare in Verstandesgewissheit und Vernunfteinsicht. Wolfgang Kersting weist darauf hin, daß „in der untersten ontologischen und epistologischen Abteilung des Denkens also alle in sinnlich wahrnehmbare Abbildungen übersetzbaren Formen, Muster, Relationen, Begriffe zu finden sind, insbesondere die axiomatisch definierten Grundkonzepte der mathematischen Wissenschaften, die mathematischen Ideen.“

Deswegen ist für Platon die Mathematik so wichtig. Für ihn sind die Wissenschaften, die sich mit der Mathematik beschäftigen, die unterste Stufe im Denkbaren. Nur aus dieser Verstandesgewissheit heraus kann die Vernunftseinsicht entstehen. Dieses sogenannte Quadrivium liefert als Unterbau für die spätere Dialektik eine mathematische Anleitung zum Denken. Der Dialektik folgt dann schließlich die „Mathema“, also die Lehre vom Guten.

„So ist das Zählen und Rechnen ein Führer zur Wahrheit“ Und die Gerechtigkeit ist eben Wahrheit.(Pol331c) Daher fordert Sokrates: „Welche an dem größten im Staate teilhaben sollen zu überreden, daß sie sich an die Rechenkunst geben und sich mit ihr beschäftigen, nicht auf gemeine Weise, sondern bis sie zur Anschauung der Natur der Zahlen gekommen sind und durch die Vernunft selbst.“

Wenn z.B. in der Geometrie quadriert, verlängert oder ähnliches durchgeführt wird, geht es nicht um die Entstehung von etwas, vielmehr dient es der Erkenntnis von Verhältnismäßigkeiten. „Die Geometrie lehrt uns an feste gegebene Proportionen zu halten, und ist allem abhold, was ins Proportionslose abschweifen will.“
Nur dieser Weg über die mathematischen Wissenschaften kann zur Dialektik führen, „denn es gibt keine andere Methode als sie, um systematisch und allgemein zur Definition eines jeden Begriffs zu kommen“.

Für Platon ist das Erkennen von Verhältnismäßigkeiten in der Mathematik wichtiges Kriterium, um die Idee des Guten zu erfassen. Das Erkennen von Verhältnismäßigkeiten ist für die richtige Interpretation von Gerechtigkeit unabdingbar. Zeigte es sich schon bei Kephalos Gerechtigkeitsdefinition: ohne die Einsicht, welche Handlung gerecht ist, kann die Vertragserfüllung zum genauen Gegenteil führen, wird sie später bei Polemarchos` und Thrasymachos` Erklärungen ebenso scheitern. Denn allen Dreien fehlt das Entscheidende, um die Gerechtigkeit anzuwenden: die systematische Erlernung von Verhältnismäßigkeiten - oder anders: der Gerechtigkeit.